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Lilly Lindner, aus "Bevor ich falle", S.176

"Da war ich für die Dauer eines Augenblicks wortstill.
Denn schöne Sätze haben einen Ausklang verdient.
Ohne Unterbrechung."

Der Rubin

3 Rubingeflüster | Hinterlasse Spuren!

Sie läuft, immer weiter, beachtet ihre Umgebung gar nicht, sie ist zu beschäftigt nicht zu stolpern und ihnen dann in die Hände zu fallen, dann wäre alles umsonst gewesen.
Sie weiß, sie befindet sich in dichtem Wald, immer wieder schlagen ihr Äste ins Gesicht, verhaken sich die knorrigen Arme in ihrer Kleidung und schlitzen ihre Haut auf.
Aber als Profi, oder eher gesagt als Jemand, dem es wichtig ist nicht zu versagen, ignoriert sie die eisige Kälte die in ihre Wunden eindringt und unter ihre Kleidung kriecht.
Sie beißt die Zähne zusammen und läuft weiter, noch schneller. Ihr Herz hämmert, ihr scheint es unmöglich nicht gehört zu werden.
Weiter, nur weiter, über trockene Blätter und störrige Äste, vorbei an dem Tau auf den Blättern und Knospen.
Durch die Lücken im löchrigen Blätterdach kann man den tiefblauen Himmel sehen, dass er sich wie ein großes Tuch über die Wälder, Städte und Landschaften spannt.
Ihre Umgebung droht zu verschwimmen, oder dass, was man als dunkle Silhouetten ausmachen konnte, so schnell kommt sie sich vor.
Fliegt sie schon? Durch diese Frage entsteht ein Riss in ihrer Konzentration, die sie eigentlich auf die Aufgabe gerichtet hatte nicht zu stürzen und Verletzungen davon zu tragen.
Und dann fliegt sie, aber nicht engelsgleich in den Luft und hinaus aus dem Wald entgegen dem Himmel; unsanft landet sie auf dem Bauch auf dem kalten, harten Boden. Im Moment des Aufpralls weicht alle Luft aus ihren Lungen, verlässt sie wie die Luft einen geplatzten Luftballon.
Für einen Moment hört sie ein Piepen in ihrem Ohr, hört ihren stoßweise gehenden Atem. Sie dreht den Kopf, dann ist der Moment vorbei. Luft strömt wie ein gut tuender Wasserfall in ihre Lungen.
Ihre Knochen schmerzen, Äste haben sich in ihre Haut gebohrt, haben sie aufgeschlitzt.
Sie stützt sich auf die Arme, wendet den Kopf, und da hört sie sie.
Für einen Moment überlegt sie sich wieder hinzulegen und ins Gebüsch zu rollen, aber dann wäre sie geliefert, die Männer würden sie finden, und dann wäre alles vorbei.
Die Schritte kommen näher. Nun gilt es sich zu beeilen.
Sie rappelt sich hoch, stemmt sich auf die Füße und befühlt sicherheitshalber noch einmal den Beutel an ihren Gürtel. Alles noch da, gut.
Sie fängt wieder an zu laufen, etwas langsamer, ihr Knöchel schmerzt, aber sie muss die Zähne zusammenbeißen und darf nicht zögern.
Um sich von dem Schmerz abzulenken konzentriert sie sich wieder darauf leise und schnell zu laufen.
Bei jedem Knacken, das zu ihr durchdringt zuckt sie zusammen.
Nein, du bist zu weit gekommen, um jetzt zu scheitern!, denkt sie und dieser Gedanke gibt ihr neue Kraft den Schmerz zu ignorieren und nochmal an Tempo zuzulegen.
Sie hört die Schritte und das Gemurmel der Männer viel deutlicher als am Anfang, ein schlechtes Zeichen, sie hat viel Zeit verloren.
Der Wald lockert sich auf, sie kommt der Grenze, welche den Wald von den Wiesen und Feldern trennt immer näher, und somit auch der Gefahrenzone, in der sie leichter entdeckt werden kann.
Dann durchbricht sie den Wald und nutzt ihren Vorsprung noch mal richtig aus. Auch wenn es unmöglich scheint, so läuft sie noch schneller, trotz der Seitenstiche und des schmerzenden Halses.
Das Blau des Himmels ist um ein- zwei Nuancen heller geworden, man erkennt etwas deutlicher die schwarze Silhouetten der Bauernhöfe und der vereinzelten Bäume, und die der Menschen, die zu dieser Tageszeit schon auf der Flucht sind, also ihre Silhouette.
„Bitte nicht, bitte nicht!“, stößt sie immer wieder zwischen den Zähnen hervor.
Sie ist schnell, schon nach nicht allzu langer Zeit hat sie den ersten Bauernhof passiert und überlegt, ob sie sich dort verstecken sollte, aber dann würden sie sie erst recht finden.
Sich blickt sich um, auch ihre Verfolger haben bereits die Waldgrenze passiert und sind ihr dicht auf den Fersen, aber nicht so nah, als das sie sie entdeckt haben könnten.
Langsam geht ihr die Puste aus, sie wird langsamer, kann sich kaum noch dazu durchringen weiterzulaufen.
Verbissen kneift sie die Lippen zusammen und versucht auch noch die letzten Kraftreserven zu mobilisieren.
Plötzlich packt sie jemand am Arm, zerrt sie von ihrer ursprünglichen Richtung fort.
Sie will irgendetwas sagen, den Fremden anschreien, doch er raunt ihr mit einer ihr wohlbekannten Stimme zu: „Shht, willst du, dass sie uns entdecken Meya?“
Erleichtert atmet sie auf, es ist nur Ron.
„Wie hast du mich gefunden?“, wispert sie.
„Ich wusste, was du vorhattest. Und du hast es wirklich ganz alleine durchgezogen?“, fragt er ungläubig.
Der Himmel wird immer heller.
„Wir müssen uns beeilen!“, flüstert sie.
„Ja, das müssen wir.“ Seine Stimme ist plötzlich kein Flüstern mehr, er spricht laut und deutlich.
Abrupt bleibt er stehen und stößt den Laut eines Tieres aus.
Da wird es Meya plötzlich klar. Eine Falle. Der Mann, den sie all die Jahre bewundert hatte hintergeht sie.
Adrenalin schießt durch ihren Körper, besser gesagt, noch mehr Adrenalin. Es verleiht ihr neue Kraft und neuen Mut. Mit einer schnell Drehung windet sie sich aus dem Griff seiner starken Hand um ihren Oberarm und rammt ihr Knie in seinen Bauch. Er flucht und hält sich den Bauch.
Die anderen Männer sind fast angekommen. Ohne groß zu überlegen rennt Meya los. In irgendeine Richtung, nur weg von Ron und den anderen.
Sofort setzten sich alle schneller in Bewegung, versuchen sie zu fangen, aber sie ist flink, weicht den bulligen Gestalten aus und gibt Vollgas.
Niemals würden sie sich von denen fangen lassen.
Als sie am nächsten Hof vorbeikommt sieht sie dort einen Wagen stehen, mit offener Tür und hengendem Schlüssel.
Wieder denkt sie nicht nach, sondern springt in das silberne Fahrzeug, schlägt die Tür zu, dreht den Schlüssel im Zündschloss und gibt Gas.
Sie wendet auf dem Hof und verlässt ihn in dem Moment, als der Besitzer Händeringend aus dem Haus gestürmt kommt und versucht das Auto aufzuhalten. Ohne Erfolg.
Meya fährt wie der Henker drauf los, über Felder und Wiesen. Ihre Verfolger hat sie abgeschüttelt.
Sie waren bereits auf dem Hof und Meya fuhr einfach mitten durch sie hindurch ohne, dass Jemand sie aufhalten konnte.
Der Himmel wird weiter hell, auch ihn kann niemand aufhalten.
Als sie eine Landstraße sieht fährt sie drauf, biegt ab und fährt in normalem Tempo weiter.
Sie findet den Weg in die nächste Stadt und lässt den Wagen an einer Tankstelle stehen.
Mit einem Bus fährt sie weiter. Sie nimmt die Maske ab und zieht die schwarze Mütze mit den Handschuhen aus, die sie zur Tarnung getragen hatte. Der Bus ist fast leer. Sie setzt sich nach ganz hinten und öffnet den Beutel, welcher an ihrem Gürtel hängt.
Im Inneren glänzt und glitzert etwas rot, wenn Licht hineinfällt.
Mit spitzen Fingern hebt sie ihn ein Stück an. Den Rubin. Die Farbe ist hinreißend und die Form einzigartig. Der Stein gehörte ihrer Familie, aber dann wurde er ihrer Großmutter gestohlen und Meya hat geschworen ihn zurückzubringen. Ihre Mission ist erfüllt.
An Ron verschwendet sie keinen Gedanken mehr.

Im Bann des Engels

2 Rubingeflüster | Hinterlasse Spuren!

„„Es war ein mal ...“, so beginnen Märchen. Märchen mit Happy End, so was wollen Leute lesen, Dinge über die man nicht nachdenken muss. Auf der Welt gibt es viele Geschichten, aber nur die wenigsten enden mit Happy End.“ Nachdenklich betrachtete Jason sein Geschriebenes.
„Was denkst du über Märchen?“ Dumme Frage. Jason konnte sich nie für Märchen begeistern.
Er strich die Worte alle wieder gerade durch. Sein Standpunkt war Schwachsinn, das wusste er nun, oder wie sollt er sonst den Engel erklären, den er im Wald gesehen hatte? Sobald er an dieses schöne Wesen dachte wurde sein Mund trocken und seine Hände begannen zu schwitzen.
Ein Leuchten hatte sie umgeben. Ihr blondes Haar, das in sanften Wellen ihren Rücken bis zum Taille hinabfiel, ließ ihn an einen Wasserfall aus Gold denken.
Sie hatte riesige weiße Flügel, die Federn lagen ordentlich glänzend eng an und man musste schon genau hinsehen um sie als solche zu identifizieren.
Dann noch das weiße zerrissene Kleid und der Wind, welcher ihr das Haar ums Gesicht wehte und das Bild war perfekt.
Sie hatte aus unglaublich großen und blauen Augen erschrocken in seine Richtung geblickt.
Er hatte einen nächtlichen Waldspaziergang machen wollen, und plötzlich stand da so etwas vor ihm. Wie erstarrt war er dort stehen geblieben und hatte einfach nur gestarrt und sie hatte zurück gestarrt. Beide mit offen stehendem Mund. Dann hatte er die Hand zum Gruß gehoben, und plötzlich hatte sie sich herumgedreht und war davongelaufen. Schneller als ein Mensch und mit unglaublicher Gewandtheit. Er wollte ihr hinterherlaufen, doch da kam plötzlich ein Sturm auf. Er hatte das Grollen und Donnern gehört und es als klare Message erfasst, und zwar, ihr nicht zu folgen.
Seitdem schwirrte das Bild von ihr wie ein Vogel in seinem Kopf umher. Wenn er schlief, wenn er arbeitete, wenn er am PC saß, vorm Fernseher, was mit Freunden unternahm, einfach immer.
„Was hast du geschrieben Jason?“, drang plötzlich die Stimme seiner Lehrerin zu ihm durch.
„Ey, Alter.“ Sein Kumpel Mik knuffte ihn mit dem Ellenbogen. Mit einem Blick deutete er auf Jasons Heft.
„Äh...“, brachte dieser nun heraus.
Die Lehrerin nickte missbilligend und nahm jemand anderen dran.
„Was ist mit dir los, Alter?“
Jason sah seinen Nachbarn an und ohne zu überlegen sagte er: „Ich habe einen Engel gesehen.“
Mik schaute ihn einen Moment nachdenklich an. „Ich weiß ja, dass Angi so schön wie ein Engel aussieht, aber … hör mal, gegen Joe kommst du echt nicht an.“
Dafür handelte sich Mik einen undefinierbaren Blick ein. „Das meinte ich nicht, ich sagte ich habe einen Engel gesehen, mit Flügeln, hellem Licht und allem drum und dran.“
Mik verkniff sich mühsam ein Lachen. „Okay, Alter. Ich hab schon verstanden, du willst nicht darüber reden.“ Er dachte Jason hätte ein Problem und wollte nicht darüber reden.
Erbost blickte Jason seinen Kumpel an, doch dieser bekam davon gar nichts mit.

Am Abend lag er im Dunkeln in seiner Altagskleidung auf dem gemachten Bett.
Der Mond war voll und man brauchte gar kein Licht anmachen, Jason konnte jeder Einzelheit klar und deutlich erkennen, nur war das Mondlicht unnatürlich gelblich.
Ruckartig setzte er sich auf und blickte sich in seinem geräumigen Zimmer um. Dann griff er seinen Baseballschläger, welcher hinter dem Bett an der Wand lehnte und ging so leide wie möglich auf die Tür zu. Er stellte sich erst neben die Glastür zum Balkon in den schützenden Schatten der Wand.
Vorsichtig lugte er durch das Glas.
Das Licht erlosch schlagartig. Verwirrt und schwer atmend lehnte er sich wieder zurück an die Wand.
Was war da draußen?
Dann nahm er allen Mut zusammen, trat vor die Tür, öffnete sie und ging hinaus.
Abrupt blieb er stehen und rieb sich ungläubig die Augen.
Dort saß er oder sie. Der Engel, die Engelsfrau.
Sie hatte sich auf dem Geländer niedergelassen und schaute ihn ruhig an.
Ihr goldenes Haar war zu einem kompliziertem Zopf geflochten, sie trug normale Kleidung, Jeans und Top und ihre Flügel, ja, ihre Flügel waren weg.
Mit zitternden Händen lehnte er den Schläger gegen die Wand und ging vorsichtig auf den Engel zu.
Als sie ruhig sitzen blieb, schwang er sich neben ihr auf das Geländer.
Sie roch sehr gut.
Schließlich brach sie das Schweigen. Ihr Stimme klang wie eine Melodie. Hoch und klar.
„Mein Name ist Niabeth, ich bin ein Engel des Lichts.“
Sprachlos sah er sie an. Als er seine Stimme wiedergefunden hatte, sagte er weniger melodiös: „Ich heiße Jason, freut mich!“ Er hielt ihr die Hand hin und sie schaute fragend auf sie hinunter.
Zögernd ließ er sie wieder sinken.
„Niabeth ist ein sehr schöner Name“, begann Jason.
Sie nickte. „Dankeschön.“ Dann schwieg sie wieder.
„Warum bist du her gekommen, Niabeth?“ Der Name schmolz förmlich auf seiner Zunge, so weich und fließend war er.
„Weil ich dich befreien muss.“
„Befreien?“, hakte er nach. Mein Gott, dem Engel musste man aber wirklich jede Einzelheit aus der Nase ziehen.
Nun schaute sie ihm ganz offen in die Augen. „Du hast mich als Engel gesehen, du hast meinen Schein gesehen, du bist von mir gefangen.“
Prüfend blickte Jason sich um, ob er irgendwo Gitterstäbe entdeckte.
Niabeth blickte fast liebevoll. „Es war ein Fehler, dass du mich so gesehen hast, und den muss ich jetzt wieder ausbügeln.“ Sie beugte sich vor, doch er eich vor ihr zurück. „Warte, musst du das tun?“ Sie nickte. Er atmete tief durch. „Dann nimm von mir aus diesen Bann, aber lass mir die Erinnerung an heute, und an den Abend im Wald.“
Sie nagte an ihrer Unterlippe. Schließlich beugte sie sich vor und gab ihm einen Kuss.
Sie gab ihm den Kuss, aber sie nahm den Bann von ihm.
Als sie sich zurücklehnte und sie sich ansahen wusste sie, sie hatte das richtige getan.
„Es ist vorbei!“, flüsterte sie. Dann schwang sie die Beine über das Geländer und sprang hinunter.
Sie wandte ihm ihr Gesicht ein letztes mal zu, dann rannte sie davon.
Jason sah ihr hinterher, bis sie nicht mehr zu sehen war.
Dann ging er langsam zurück ins Haus, ließ die Tür aber offen.
Er nahm sein Heft und schrieb hinein:
„Es war ein mal ...“, so beginnen Märchen. Märchen mit Happy End, so was wollen Leute lesen, Dinge über die man nicht nachdenken muss. Auf der Welt gibt es viele Geschichten, aber nur die wenigsten enden mit Happy End.“
„„Es war ein mal ...“, so beginnen Märchen. Märchen mit Happy End, so was wollen Leute lesen, Dinge über die man nicht nachdenken muss. Auf der Welt gibt es viele Geschichten, aber nur die wenigsten enden mit Happy End.“

Flügelschlag

2 Rubingeflüster | Hinterlasse Spuren!

„Das ist Magie!“, hauchte sie.
Sobald sie diese Worte ausgesprochen hatte, öffnete sich ihr der Wald, sie spürte es im Blut, dass sie nun willkommen war.
Licht flammte auf, es entsprang direkt ihrem Herzen und umgab sie.
Die Fee öffnete ihre zarten, gelben Flügel.
Sie waren so zart, so dünn, dass sie nur leicht schimmerten und man schemenhaft hindurch sehen konnte.
Durchzogen mit feinen, hellgelben Äderchen.
Ihre schönen, elfenzarte Gesichtszüge waren vollkommen entspannt, als wäre sie soeben ein zweite, viel zu enge Haut losgeworden. Ihr blondes, fast weißes Haar fiel ihr in seidigen Locken über die leicht braun-golden schimmernden Schultern und umrahmte ihr schmales Gesicht.
Das gelbe Kleid, welches ab der Hüfte an den umgedrehten Kelch einer Tulpe erinnerte glitzerte und glänzte golden. Es war schulterfrei.
Sie öffnet die Augen, grün. Grün wie die Wiese, grün wie das Blätterdach des Waldes, durchzogen mit lilanen Äderchen.
Eine Fee der Sonne. Die Macht Pflanzen zu formen, zu erschaffen und ihre Wuchsrichtung zu ändern.
Die Macht Licht zu spenden, Wärme zu geben, Feuer zu entzünden, aber auch, all dies wieder zu nehmen.
Die Fee schlug mit den Flügeln und schwebte wie eine Göttin in den dichten Wald.
„Flora und Fauna öffnen sich dir.“ Eine Lektion, die sie schon früh gelernt hatte.
Die Sonne schien durch die Blätter und warf vereinzelt Strahlen zu Boden.
Die Fee ließ sich zu Boden gleiten, und lief barfuß und elegant weiter.
Sie kannte den Wald wie ihre Westentasche und machnmal war ihr die Westentasche zu klein.
Wenn die Sonne ihre Haut berührte, spürte sie ein Kribbeln auf der Haut, 1000 Ameisen.
Dann juckte es sie in den Fingern, sie wollte diese Energie wieder herauslassen, wollte Neues schaffen, aber sie lief unbeirrt weiter. Die Farbenpracht um sie herum war berauschend, dort gab es alles, Dinge von denen Menschen nicht wagten zu träumen, alle Farben, alle Formen, alle Kombinationen.
Die Fee gelang immer weiter in den Wald hinein, ihr Ziel: das Zentrum, das Herz, ihr Zuhause.
Schon ein paar 100 Meter entfernt spürte sie die Magie des Ortes. Das Kribbeln, immer mehr Blumen und schließlich kamen sie in Sicht. 3 riesen große Bäume, doppelt so groß wie jeder Riese im Land. Die Wurzeln waren so tief in der Erde verankert, dass sie allem standhielten.
Die prächtigen Kronen überragten alles. Nicht mal mit zehn Feen konnte man den dicken Stamm umfassen.
Wie immer, wenn sie längere Zeit fort gewesen war, war sie überwältigt von dem Anblick.
Mit ihr zusammen kamen auch mehr Licht und Wärme auf den Platz. Es war für sie fast unmöglich unbemerkt zu bleiben.
„Nynia!“ Eine kleine grüne Fee des Waldes kam aufgeregt auf sie zugeflattert.
„Was ist Kinya?“ Die kleine Fee hatte grüne schulterlange Haare und eine grünlich schimmernde Haut.
Ihr Kleid war seidig und nur eine Nuance dunkler als ihre Haut und hob sich somit kaum ab.
Ihr Augen waren Lila. Eine normale Fee des Waldes.
„Wir haben ihn gefangen nehmen können.“
„Wen?“ Nynia hatte eine wage Vorstellung, um wen es sich handeln könnte.
Kinya nahm sie an der Hand und zog sie zu dem Platz hinter den Bäumen und da lag er.
Ihr Feind. Der Troll Myst.
Er lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden und Seile aus Lianen, verstärkt mit dem Zauber der Feen waren über seinen hässlichen Körper gespannt um ihn ruhig zu halten.
Seine Brust entsprang ein Grollen, als sie näher traten.
Nynia war eine Sonnenfee, und die waren sehr selten, daher wurde sie oft um Rat gefragt.
Sie strich sich das helle Haar aus dem Gesicht und kniete sich hin.
Myst wandte ihr sein warziges braunes Gesicht zu.
„Was ist geschehen?“, fragte sie an die gewandt, die ihn bewachten.
„Er war dabei den Wald zu zerstören, schon wieder. Wir haben ihn ganz am Anfang erwischt, ein paar Waldfeen sind dabei, alles zu rekonstruieren, was er kaputt gemacht hat.“
Nynia nickte.
„Myst, wir haben dir genug Chancen gegeben, ich muss nun die Drachen benachrichtigen, sie werden sich dann um dich kümmern.“
Der Troll fletschte seine fauligen Zähne. „Die Drecksarbeit übernehmt natürlich nicht ihr, ihr, die sich für so toll halten.“
Die Fee schaute ihn nur mitleidig an. „Der Wald ist unser Gebiet, und wir werden es verteidigen, deine Art sollte sich das zu Herzen nehmen und sich von den Pflanzen fernhalten!“
„Bringt ihn weg!“ Die Wächter nickten und schleiften den Troll weg, raus aus dem Wald zu einem abgelegenen Platz dahinter.
Nynia sah ihnen traurig hinterher, dann stieß sie einen schrillen Ton aus, um einen Drachen zu rufen.
Kurz darauf konnte man am Himmel eine schwarze Gestalt ausmachen.
Er landete auf dem Platz, an den man den Troll Myst gebracht hatte.
Nynia stand da und schaute in den dichten Wald.
Ein Schrei hallte durch den ganzen Wald und Schauer liefen den Feen über den Rücken.
Sie blickten zum Himmel. Rauch stieg auf. Dort brannte Myst.
Eine Träne kullerte aus Nynias Auge. Feen waren sehr anfällig für Emotionen.
„Es war richtig“, hörte sie eine gebrochene Stimme hinter sich.
Eine männliche Fee hatte den Platz betreten und stand nun neben ihr.
Er war ihr Vater, ein Kind der Sonne, so wie sie.
Sein Haar war noch weißer als ihres. Er trug Lederhosen aus der Haut der Mastäs. Das waren große Tiere mit gefährlichen Zähnen, die zwischendurch durch den Wald streiften.
Er legte ihr einen Arm um die Schultern und drückte sie sanft.
Seine Flügel waren tief orange.
„So etwas ist niemals richtig“, erwiderte sie und drehte sich um.
Sie betrat den Baum in der Mitte.
Er diente hunderten von Feen als Heim.
Sie wohnte mit Kinya und noch anderen Feen in der Krone.
Als sei oben ankam schwirrten alle um sie herum. Sie war eine der wenigen, die die Gabe besaßen auf die Erde zu gelangen.
„Und wie war es?“, fragte eine Fee des Wassers.
„Schön, aber da ist so wenig Natur. Der Himmel ist so oft von Wolken bedeckt und Niemand achtet auf den anderen. Das ist so anstrengend.“ Um ihr Worte zu unterstreichen streckt sie ihre Flügel.
Sie wusste, sie war ein Vorbild, aber das wollte sie eigentlich gar nicht sein. Sie wollte so sein wie jeder andere, aber das war sie nicht, das würde sie nie sein, sie war und blieb eine Fee der Sonne.