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Lilly Lindner, aus "Bevor ich falle", S.176

"Da war ich für die Dauer eines Augenblicks wortstill.
Denn schöne Sätze haben einen Ausklang verdient.
Ohne Unterbrechung."

Im Bann des Engels


„„Es war ein mal ...“, so beginnen Märchen. Märchen mit Happy End, so was wollen Leute lesen, Dinge über die man nicht nachdenken muss. Auf der Welt gibt es viele Geschichten, aber nur die wenigsten enden mit Happy End.“ Nachdenklich betrachtete Jason sein Geschriebenes.
„Was denkst du über Märchen?“ Dumme Frage. Jason konnte sich nie für Märchen begeistern.
Er strich die Worte alle wieder gerade durch. Sein Standpunkt war Schwachsinn, das wusste er nun, oder wie sollt er sonst den Engel erklären, den er im Wald gesehen hatte? Sobald er an dieses schöne Wesen dachte wurde sein Mund trocken und seine Hände begannen zu schwitzen.
Ein Leuchten hatte sie umgeben. Ihr blondes Haar, das in sanften Wellen ihren Rücken bis zum Taille hinabfiel, ließ ihn an einen Wasserfall aus Gold denken.
Sie hatte riesige weiße Flügel, die Federn lagen ordentlich glänzend eng an und man musste schon genau hinsehen um sie als solche zu identifizieren.
Dann noch das weiße zerrissene Kleid und der Wind, welcher ihr das Haar ums Gesicht wehte und das Bild war perfekt.
Sie hatte aus unglaublich großen und blauen Augen erschrocken in seine Richtung geblickt.
Er hatte einen nächtlichen Waldspaziergang machen wollen, und plötzlich stand da so etwas vor ihm. Wie erstarrt war er dort stehen geblieben und hatte einfach nur gestarrt und sie hatte zurück gestarrt. Beide mit offen stehendem Mund. Dann hatte er die Hand zum Gruß gehoben, und plötzlich hatte sie sich herumgedreht und war davongelaufen. Schneller als ein Mensch und mit unglaublicher Gewandtheit. Er wollte ihr hinterherlaufen, doch da kam plötzlich ein Sturm auf. Er hatte das Grollen und Donnern gehört und es als klare Message erfasst, und zwar, ihr nicht zu folgen.
Seitdem schwirrte das Bild von ihr wie ein Vogel in seinem Kopf umher. Wenn er schlief, wenn er arbeitete, wenn er am PC saß, vorm Fernseher, was mit Freunden unternahm, einfach immer.
„Was hast du geschrieben Jason?“, drang plötzlich die Stimme seiner Lehrerin zu ihm durch.
„Ey, Alter.“ Sein Kumpel Mik knuffte ihn mit dem Ellenbogen. Mit einem Blick deutete er auf Jasons Heft.
„Äh...“, brachte dieser nun heraus.
Die Lehrerin nickte missbilligend und nahm jemand anderen dran.
„Was ist mit dir los, Alter?“
Jason sah seinen Nachbarn an und ohne zu überlegen sagte er: „Ich habe einen Engel gesehen.“
Mik schaute ihn einen Moment nachdenklich an. „Ich weiß ja, dass Angi so schön wie ein Engel aussieht, aber … hör mal, gegen Joe kommst du echt nicht an.“
Dafür handelte sich Mik einen undefinierbaren Blick ein. „Das meinte ich nicht, ich sagte ich habe einen Engel gesehen, mit Flügeln, hellem Licht und allem drum und dran.“
Mik verkniff sich mühsam ein Lachen. „Okay, Alter. Ich hab schon verstanden, du willst nicht darüber reden.“ Er dachte Jason hätte ein Problem und wollte nicht darüber reden.
Erbost blickte Jason seinen Kumpel an, doch dieser bekam davon gar nichts mit.

Am Abend lag er im Dunkeln in seiner Altagskleidung auf dem gemachten Bett.
Der Mond war voll und man brauchte gar kein Licht anmachen, Jason konnte jeder Einzelheit klar und deutlich erkennen, nur war das Mondlicht unnatürlich gelblich.
Ruckartig setzte er sich auf und blickte sich in seinem geräumigen Zimmer um. Dann griff er seinen Baseballschläger, welcher hinter dem Bett an der Wand lehnte und ging so leide wie möglich auf die Tür zu. Er stellte sich erst neben die Glastür zum Balkon in den schützenden Schatten der Wand.
Vorsichtig lugte er durch das Glas.
Das Licht erlosch schlagartig. Verwirrt und schwer atmend lehnte er sich wieder zurück an die Wand.
Was war da draußen?
Dann nahm er allen Mut zusammen, trat vor die Tür, öffnete sie und ging hinaus.
Abrupt blieb er stehen und rieb sich ungläubig die Augen.
Dort saß er oder sie. Der Engel, die Engelsfrau.
Sie hatte sich auf dem Geländer niedergelassen und schaute ihn ruhig an.
Ihr goldenes Haar war zu einem kompliziertem Zopf geflochten, sie trug normale Kleidung, Jeans und Top und ihre Flügel, ja, ihre Flügel waren weg.
Mit zitternden Händen lehnte er den Schläger gegen die Wand und ging vorsichtig auf den Engel zu.
Als sie ruhig sitzen blieb, schwang er sich neben ihr auf das Geländer.
Sie roch sehr gut.
Schließlich brach sie das Schweigen. Ihr Stimme klang wie eine Melodie. Hoch und klar.
„Mein Name ist Niabeth, ich bin ein Engel des Lichts.“
Sprachlos sah er sie an. Als er seine Stimme wiedergefunden hatte, sagte er weniger melodiös: „Ich heiße Jason, freut mich!“ Er hielt ihr die Hand hin und sie schaute fragend auf sie hinunter.
Zögernd ließ er sie wieder sinken.
„Niabeth ist ein sehr schöner Name“, begann Jason.
Sie nickte. „Dankeschön.“ Dann schwieg sie wieder.
„Warum bist du her gekommen, Niabeth?“ Der Name schmolz förmlich auf seiner Zunge, so weich und fließend war er.
„Weil ich dich befreien muss.“
„Befreien?“, hakte er nach. Mein Gott, dem Engel musste man aber wirklich jede Einzelheit aus der Nase ziehen.
Nun schaute sie ihm ganz offen in die Augen. „Du hast mich als Engel gesehen, du hast meinen Schein gesehen, du bist von mir gefangen.“
Prüfend blickte Jason sich um, ob er irgendwo Gitterstäbe entdeckte.
Niabeth blickte fast liebevoll. „Es war ein Fehler, dass du mich so gesehen hast, und den muss ich jetzt wieder ausbügeln.“ Sie beugte sich vor, doch er eich vor ihr zurück. „Warte, musst du das tun?“ Sie nickte. Er atmete tief durch. „Dann nimm von mir aus diesen Bann, aber lass mir die Erinnerung an heute, und an den Abend im Wald.“
Sie nagte an ihrer Unterlippe. Schließlich beugte sie sich vor und gab ihm einen Kuss.
Sie gab ihm den Kuss, aber sie nahm den Bann von ihm.
Als sie sich zurücklehnte und sie sich ansahen wusste sie, sie hatte das richtige getan.
„Es ist vorbei!“, flüsterte sie. Dann schwang sie die Beine über das Geländer und sprang hinunter.
Sie wandte ihm ihr Gesicht ein letztes mal zu, dann rannte sie davon.
Jason sah ihr hinterher, bis sie nicht mehr zu sehen war.
Dann ging er langsam zurück ins Haus, ließ die Tür aber offen.
Er nahm sein Heft und schrieb hinein:
„Es war ein mal ...“, so beginnen Märchen. Märchen mit Happy End, so was wollen Leute lesen, Dinge über die man nicht nachdenken muss. Auf der Welt gibt es viele Geschichten, aber nur die wenigsten enden mit Happy End.“
„„Es war ein mal ...“, so beginnen Märchen. Märchen mit Happy End, so was wollen Leute lesen, Dinge über die man nicht nachdenken muss. Auf der Welt gibt es viele Geschichten, aber nur die wenigsten enden mit Happy End.“

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